Offener Brief von Kevin, 4. Juli 2008

Mehr als 6 Wochen sind nun vergangen, dass vermummte Einheiten mit gezogenen Pistolen meine Wohnung gestürmt, alles durchsucht, den bei mir lebenden Hund in Tierheim gebracht und mich schlussendlich verhaftet haben. Erst nach und nach wurde mir das Ausmaß dieser massiven Repressalien bewusst und, dass insgesamt 23 Wohnungen gestürmt und verwüstet und 10 Personen, darunter auch gute Freund_innen, festgenommen worden waren. Möglich gemacht wurden diese massiven Eingriffe in Privatsphäre und Leben durch eine dubios konstruierte „Kriminelle Organisation“ nach § 278a, die von uns gebildet worden sein soll bzw. in der wir Mitglied sein sollen.

Bereits kurz nach meiner Verhaftung bekam ich zum ersten Mal von Protesten mit. Als ich aber nach einigen Tagen erfuhr welche Solidarität aus unterschiedlichsten Ländern kam, hat das mir hier drinnen sehr viel Kraft gegeben. Es hat mich sehr gefreut, das eine solche Kriminalisierung einer sozialen Bewegung nicht einfach hingenommen wird und, dass Menschen aus unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen gemeinsam aktiv wurden und Solidarität zeigten.

Knast ist anders als ich ihn mir vorgestellt hätte und auch wenn ich die Freiheit, Freund_innen, „meinen“ Hund und einiges mehr vermisse, geht es mir den Umständen entsprechend gut. 23 Stunden am Tag auf wenigen m² verbringen zu müssen, plötzlich ein langweiliges Leben ohne jegliche Selbstbestimmung führen zu müssen, weggesperrt hinter meterhohen Mauern, was erstmal eine Umstellung mit der ich lernen musste klar zu kommen. Das ist mir soweit ganz gut gelungen und so konnte mich die erneute Verlängerung der U-Haft auch nicht wirklich aus der Bahn werfen.

In der Zwischenzeit habe ich Fernsehen, Radio und einen CD-Player in meiner Zelle. Zudem durfte ich Bücher für meine Ausbildung kriegen, so, dass ich die Zeit auch zum lernen nutzen kann. Lebensmittelpakete, Bücher, Zeitschriften und CD`s dürfen mir aber nicht zugeschickt sondern nur über die Justizanstalt gekauft werden. Briefe erreichen mich zur Zeit mit einer Verzögerung von teilweise 1 bis 2 Wochen. Ich versuche zeitnah auf die Briefe zu antworten, Briefkontakt ist aber mit solchen Verzögerungen schwer.

Die Versorgung mit veganem Essen und veganen Produkten ist in der Zwischenzeit ganz akzeptabel. So habe ich z. B. die Möglichkeit einmal die Woche Sojamilch und ähnliches einzukaufen.

Ich möchte all jenen da draussen von ganzem Herzen danken, die Demos, Vorträge, Soliparties organisiert oder daran teilgenommen haben, T-Shirts/Aufnäher uvm. Gedruckt haben, Briefe und Postkarten geschrieben haben, die mitbetroffenen Tiere bei sich aufgenommen haben, dass Wohnungstüren repariert, Wohnungen aufgeräumt, Mieten und Rechnungen bezahlt wurden und vieles, vieles mehr! Solidarität ist mehr als nur ein Wort, das habt ihr klar gezeigt! Vielen Dank dafür! …und ich werde wohl nie vergessen wie zum ersten Mal die Knast-Ruhe durch die Parole „Solidarität-ihr seit nicht alleine“ gestört wurde!

Viele Grüße auch von hier an die anderen Inhaftierten und an alle da draussen, die ihre Augen nicht verschließen und sich jeden Tag aufs neue für eine andere solidarische Welt einsetzen!

Eine Gesellschaft in der Tiere keinerlei Lebens- und Unversehrtheitsrecht haben, sie milliardenfach Tag für Tag in Mastanlagen, Laboren, auf sog. Pelztierfarmen eingesperrt, in den Schlachthäusern ermordet und ihre Körper zerteilt und zur Ware gemacht werden…nein, ich werde darüber nicht schweigen und aufhören mich dagegen einzusetzen. Auch mit massivster Repression nicht, niemals! Für jede und jeden einzelnen von ihnen!

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12. July 2008