Offener Brief von Jan an den Antispe-Kongress in Hamburg, 6. August 2008

Ich wurde gebeten für Euch ein paar Worte zu Papier zu bringen, das freut mich sehr, aber ich bin nicht sicher wie und was ich schreiben soll. Unter vielen Menschen höre ich meistens zu und ergreife nur sehr selten das Wort. Vielleicht sollte ich einfach mit mir anfangen: Ich bin ein Gefangener, politischer Gefangener, rund um die Uhr, seit 2 1/2 Monaten – so wie die 9 anderen und viele mehr. Aber nur vorübergehend. In erster Linie bin ich poltischer Aktivist, Bruder, Companero, Freund, Geliebter und Liebender, Genosse, Sohn …

Aber ich spreche als Gefangener, deshalb sollte ich wohl etwas über das Gefängnis sagen. Zuerst das Gute: Es ist nur vorübergehend und ich habe noch nie zuvor in meinem Leben so viel Solidarität, Unterstützung und Zärtlichkeit erfahren, die mir Kraft und Mut geben – dafür auch hier Danke! Es kann mich nicht mehr schrecken und mich nicht dazu bringen zu verleugnenen, wer ich bin und woran ich glaube, oder dazu nicht mehr kämpfen zu wollen.Vor allem: es ist zu ertragen.

Jetzt das Schlechte: es gibt nichts Gutes am Gefängnis. Das Schlechte ist wohl ganz individuell, es ist die Vereinzelung. Ein ohnehin leicht chaotisches und prekäres Lebrn, das auf den Kopf gestellt wird. Die nahezu vollständige Entmündigung.

Aber: schmerzliche Trennung bedeutet auch wunderschöne Erinnerungen und damit will ich schließen, Vorfreude meine Lieben wieder in den Armen zu halten und mit ihnen und Euch gemeinsam zu lachen, zu feiern und zu kämpfen!

Bis alle frei sind – Jan

PS: Die schönsten Soliaktionen von denen ich gehört habe, waren die Befreiungen der Hühner in Australien und der Nerze in Deutschland….!

Die Übermittlung des Offenen Briefes hat so lange gedauert, dass der Kongress vorbei ist, bevor der Brief von Jan veröffentlicht werden konnte. Schuld daran ist die Knastbürokratie. Dadurch dass alle Briefe, die die Gefangenen aus den verschiedenen Justizanstalten wegschicken, zuerst nach Wiener Neustadt zur Staatsawaltschaft kommen müssen, wo sie alle gelesen werden bevor sie tatsächlich zur Post kommen, dauert es Ewigkeiten bis ein Brief seinen Bestimmungsort erreicht.

15. August 2008